Mein Freund der Alkohol

Manchmal verirren sich User in den Chat, die nicht in erster Linie an Sex interessiert sind. Das ist zwar selten, aber kommt schon mal vor. Vielleicht ist es die pure Neugierde, vielleicht Einsamkeit, wer weiß.

Vor Monaten kam jemand zu mir, der mich fragte, ob ich was zu trinken da hätte. Ich solle mch für ihn mal so richtig besaufen. Ich dachte, der will eine besoffene Frau nackt auf dem Tisch tanzen sehen und dankte ab.
In regelmäßigen Abständen kam er immer wieder und fragte jedes Mal, ob ich was zu saufen da hätte.

Letztes Mal süffelte ich gerade an einem Glas Weißwein und sagte spontan ja. Ich hab was zu trinken da und sei so richtig in der Stimmung, mir die Kanne zu geben. Jetzt war meine Neugierde doch zu groß, was passiert. Er meinte, ich soll mir mal tüchtig einen einschenken, er hätte auch schon zwei Flaschen Wein intus und würde gerade die dritte köpfen. Ich nippte an meinem Wein und da ich ja noch was mitkriegen wollte, hab ich heimlich ein bisschen Wasser in meinen Wein gegossen und winzig kleine Schlückchen zu mir genommen.
So allmählich kamen wir ins Gespräch und ich musste feststellen, dass meine Vermutung völlig falsch war. Der arme Kerl war Alkoholiker und wollte sich nicht alleine zutrinken, sondern ein bisschen Gesellschaft haben. Es war ziemlich mühselig, sich mit ihm zu unterhalten. Zwischendrin loggte er sich immer wieder aus und ein und meinte, ich müsste mal ein bisschen schneller trinken. Insgesamt dauerte diese Aktion fast zwei Stunden und ich konnte ihm einiges aus der Nase kitzeln. Irgendwann erzählte er mir, wie schlecht es ihm ginge. Er habe sich zu einer Therapie angemeldet und sei sich bewusst, dass er diese dringend braucht. Er habe eine Firma und würde nichts mehr auf die Reihe bringen. Wenn das alles so weiterginge, würde sein Unternehmen bald den Bach runtergehen und er müsste seine Mitarbeiter entlassen. Die Therapie sei schon in wenigen Tagen und er habe panische Angst davor.
Da hatte ich mich ja völlig getäuscht. Während der ganzen Zeit sprach er mich nicht ein einziges Mal auf irgendetwas Erotisches an. Er wollte nur in Gesellschaft mit jemandem sein, der dem gleichen Laster frönt wie er. Vielleicht sollte das sein schlechtes Gewissen ein bisschen mindern.
Da war dann Fingerspitzengefühl gefragt und ich habe versucht, ihn zu der Therapie zu ermuntern und mein ganzes psychologisches Halbwissen angewandt. Plötzlich war ich im Erotikchat mitten in einer Therapiestunde.
Erst hat er mich als “blöde Psychotante” beschimpft und am Ende hat er sich bedankt und meinte es hätte ihm gut getan, mal mit jemandem zu reden. Ich kann nur hoffen, dass er die Therapie auch wirklich antritt und habe ihm gesagt, dass ich mich freue, ihn bei einem Glas Orangensaft wiederzusehen. Bin ja mal gespannt, ob er sich nochmal meldet.

Datum: Donnerstag, 1. März 2007 12:19
Themengebiet: Meine Erlebnisse Trackback: Trackback-URL
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12 Kommentare

  1. 1

    Einerseits ist das natürlich total traurig, das er dafür zahlen muss, um jemanden zum Reden zu haben, auf der anderen Seite kann, denke ich, jeder verstehen das man sich als Alkoholiker/Trinker lieber auch mit Betrunkenen umgibt.

    Man stelle sich dazu nur mal vor man wäre auf einer Party, und hätte so richtig die Lampen am brennen, und alle anderen trinken nur Cola…da fühlt man sich dann auch nicht mehr wohl (1-2 Flaschen später ists dann aber auch egal)

    Ich finde aber schön, das du dir die Zeit für diesen Mann genommen hast, und ihn nicht der Tür verwiesen hast.

    Leute die längere Zeit niemanden zum reden finden, machen manchmal verrückte Sachen, die sie später bereuen würden, wenn sie noch könnten.

  2. 2

    Tja, Frau Dr. Senderin. Jeden Tag eine gute Tat. Ich denke, wenn man solchen Menschen begegnet kann man doch gottfroh sein, wenn man selbst ein “ordentliches” Leben zu führen vermag.

  3. 3

    Hmm, wäre es da nicht billiger in einer Bar den Wirt vollzusabbeln? ^^

  4. 4

    ich finde die geschichte irgendwie ein bißchen traurig. Wie ist das gefühl jemanden wieder auf den richtigen pfad zu führen? ;)

  5. 5

    hoffentlich macht er das mit der Therapie … finde ich super, dass du dir zeit genommen hast, ist ja auch mal eine abwechslung, wenn auch eine ungewöhnliche und anstrengende …

  6. 6

    @donald
    Es gibt da manchmal auch sehr nette Wirtinnen.

  7. 7

    Ja schön das Du ihn nicht hast abblitzen lassen, und auf ihn eingegangen bist. Halte uns mal auf dem laufenden wenn er sich mit dem O- Saft bei Dir meldet.

  8. 8

    Der Herr hat mein größestes Mitgefühl. Er hat wohl Angst, dass er wenn er irgenwo in eine Kneipe geht und sich die Kante gibt, erkannt wird.

    Leider hatte auch wir mal einen Azubi, der u.a. alkoholkrank war. Ich würde gerne sagen, es gab ein Happy-End, aber leider, leider haben Alkoholiker eine sehr hohe Rückfallquote. Er hat die Ausbildung abgebrochen und ward seitdem nie wieder gesehen.

    Ich drücke dem Mann die Daumen, dass er dennoch die Kurve kriegt.

  9. 9

    Danke für die schönen Kommentare! Für mich war das eine völlig neue Erfahrung. Ich füchte nur, Pizzablog könnte recht haben. Meistens klappt die Therapie beim ersten Anlauf nicht und mein Chat mit ihm war sicher nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich bin gespannt, ob ich noch etwas von ihm erfahren werde. Wenn er sich nochmal melden sollte, werde ich berichten.

  10. 10

    gehen alkoholiker heutzutage nicht mehr in die kneipe? was eine schande. nichts ist trister, als zu hause zu trinken, alleine. da kann man besser noch alleine was essen.

  11. 11

    finde es gut, dass du dich seiner angenommen hast, liebe senderin, das zeigt, dass du ein großes herz hast, aber erwarte nicht, ihn demnächst mit dem o-saft anzutreffen. leider, wirklich leider sind es die wenigsten, die sich das zu herzen nehmen, was andere ihnen sagen, besonders bei alkoholikern. vielleicht denkt er für den moment nach, vielleicht hat er für den moment die motivation, doch dann gibt’s am nächsten tag schon nicht die brötchen beim bäcker die er gerne hätte und schwupps ist der grund zum trinken direkt wieder gegeben. frust, mißerfolg, einsamkeit… für einen süchtigen wird es immer einen grund geben, so lange er es nicht von herzen selber will! aber ich bin sicher, er wird sich sein leben lang, an den netten kontakt mit dir erinnern. ich drücke ihm trotzdem die daumen, dass er es irgendwie schafft, denn direkt jemanden aufzugeben ist ja auch nicht der richtige weg!

  12. 12

    Erinnert mich an einen Obdachlosen in der Sozialwerkstatt.
    An einem Tag wurde ihm noch auf die Schulter geklopft,
    dass er nach der Therapie schon eine Woche clean ist.
    Am nächsten Morgen kam er betrunken mit einer Flasche Fusel.
    Da schnürt es einem schon das Herz ein.

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